Metamaterialien als neu markieren
(Mittwoch, 23.05.2007 10:40)
Im Jahre 2004 habe ich das Buch "A New Kind of Science" von Stephen Wolfram gelesen. Ein großartiges Buch über zelluläre Automaten (1280 Seiten für nur 34,95 €), dass ich jedem Informatiker sehr empfehlen kann! Einige Tage später hörte ich einen interessanten Vortrag von Prof. von Klitzing vom Stuttgarter Max-Planck-Institut für Festkörperforschung, der unter anderem von der Erzeugung von Nanostrukturen erzählte. Durch das Aufeinandertreffen dieser beiden Themen in meinem Hippocampus, kam ich auf die folgende Idee.
Kann man auf der Basis von zellulären Automaten ein Verfahren entwickeln, bei dem ein Gemisch aus zwei Atom-/Molekülsorten zu einem Metamaterial auskristallisieren, dass theoretisch hart wie Diamant aber so leicht wie Watte ist?
Einführung
Um die Idee erklären zu können, obwohl so ein Verfahren noch gar nicht entwickelt wurde, brauche ich ein paar Begriffe, die ich mir (aus Ermangelung besserer) aus der Physik und der Chemie entlehne. Diese werden im übertragenen Sinne verwendet und sind deshalb kursiv geschrieben:
Atom - eine beliebige Entität, die die Fähigkeit besitzt, sich mit anderen zu einer kristallähnlichen Struktur zu verbinden. Statt einzelner Atome könnten auch Moleküle verwendet werden, wie z. B. Salzionen, Proteine, Polymere ...
Element - ein Typ von Atomen. Im Verfahren werden zwei Typen von Atomen benötigt, die ich der Einfachheit halber als Element A und Element B bezeichne.
Regel - die Bindungseigenschaften der Elemente.
Das Verfahren
Dieses Verfahren hab' ich in einer kleinen Computeranimation veranschaulicht:
| ani1_80.mpg MPEG-1 10,2 MB |
Der erste Versuch
Um das Konzept in seiner Grundidee zu überprüfen, habe ich in einer einfachen Simulationsumgebung versucht, solche Strukturen zu generieren. Das dabei verwendete Modell geht dabei von folgenden Eigenschaften aus:
1. Die Atome beider Elemente bilden eine kubisch raumzentrierte Kristallstruktur, so dass jedes Atom acht Nachbaratome hat.
2. In der Trägerschicht sind die Atome in einem quadratischen Gitter angeordnet. Atome, die sich auf dieser Schicht ablagern, verbinden sich also mit jeweils vier Atomen der Oberfläche.
3. Die Atome besitzen die Fähigkeit, sich nur an eine bestimmte Anzahl von Atomen des gleichen Elementes zu binden. Vereinfachend wird dabei davon ausgegangen, dass das Mengenverhältnis der vier benachbarten Atome in der Oberfläche das Kriterium bildet, ob sich ein Atom des Elementes A oder B anlagern kann.
Für das Mengenverhältnis der vier benachbarter Atome gibt es fünf Möglichkeiten: Von den 4 Atomen sind 0, 1, 2, 3 bzw. 4 Atome vom Element A und 4, 3, 2, 1 bzw. 0 Atome vom Element B.
Auf welche Elementkombinationen sich welches Element ablagern kann, bezeichne ich als Regel. (Nach dem Vorschlag von Stephen Wolfram in "A New Kind of Science")
Eine mögliche Regel wäre z. B.:
| Anzahl der Atome von Element |
A | 0 | 1 | 2 | 3 | 4 |
| B | 4 | 3 | 2 | 1 | 0 | |
| Element des anlagernden Atoms |
B | A | B | B | A | |
| Grafik | ||||||
| Binärcode | 0 | 1 | 0 | 0 | 1 | |
Da der Binärcode 01001 die Regel eineindeutig darstellt, ist dies die 9. von 32 möglichen Regeln. Welche Strukturen mit solchen Regeln erzeugt werden können, kann man nun systematisch untersuchen.
Die ersten Ergebnisse
Nachwort
Mir ist natürlich bewusst, dass dieser erste Versuch auf einer sehr vereinfachten Sichtweise physikalischer Gesetze aufbaut. Schon auf Grund der Thermodynamik ist es nicht möglich, solche Strukturen perfekt auskristallisieren zu lassen. Interessanter Weise sind einige dieser Regeln relativ fehlertolerant und erzeugen trotzdem teils regelmäßige Strukturen, auch wenn man ein gewisses "Rauschen" einbringt.
Dennoch bin ich davon überzeugt, dass es grundsätzlich eine Schnittmenge zwischen dem Konzept der zellulären Automaten und der Physik gibt, in der es möglich ist, mit einfachen Gesetzmäßigkeiten komplexe Strukturen zu erzeugen. Vielleicht besteht sogar die Möglichkeit, auf einfache Weise sehr leichte Materialien mit hoher Festigkeit oder neue Nanostrukturen mit neuen optischen und elektrischen Eigenschaften zu erzeugen.